Vorwort

Die Jahre 2023 und 2024 waren für ESWE Verkehr Jahre des Wandels und der Fokussierung. Der 2023 eingeleitete Transformationsprozess im Sinne einer Neuausrichtung wurde 2024 erfolgreich fortgesetzt. Dabei haben wir uns klar auf unser Kerngeschäft konzentriert: die Beförderung der Menschen in Wiesbaden und den Busbetrieb. Mit viel Engagement ist es gelungen, mehr Stabilität ins Unternehmen zu bringen und gleichzeitig wichtige Weichen für die Zukunft zu stellen.  

Die Weiterentwicklung unserer Strategie, unserer Organisation und Unternehmenskultur, die Planungen für den zweiten Omnibusbetriebshof, die Liniennetzreform oder die Vorbereitungen zur vorzeitigen Verlängerung des Öffentlichen Dienstleistungsauftrags (ÖDA) stehen für große Aufgaben, aber auch bewegte Zeiten. All das unterstreicht eindrucksvoll unseren Status als Trägerin der Verkehrswende in Wiesbaden. 

Ich danke allen Kolleginnen und Kollegen, den Verantwortlichen der Wiesbadener Stadtpolitik sowie den Aufsichtsrats- und Betriebsratsmitgliedern für die konstruktive Zusammenarbeit.  

Der vorliegende Geschäftsbericht gewährt Ihnen einen guten Überblick über die wichtigsten Entwicklungen und Ergebnisse der ESWE Verkehr in den Geschäftsjahren 2023 und 2024. Dabei wünsche ich Ihnen eine interessante Lektüre.  

Wir sind fest entschlossen, weiterhin verantwortungsbewusst mit den uns zur Verfügung gestellten städtischen Mitteln umzugehen und jeden Tag aufs Neue unser Bestes für einen stabilen und verlässlichen ÖPNV in Wiesbaden zu geben.  

Für unsere Fahrgäste, für unsere Stadt – Für uns alle.

Marion Hebding
Geschäftsführerin ESWE Verkehrsgesellschaft mbH

Marion Hebding ist seit 1. Juni 2023 Geschäftsführerin bei der ESWE Verkehr. Anfangs für die kaufmännischen Bereiche zuständig, ist sie seit Dezember 2023 auch für die betrieblich-technischen Bereiche als alleinige Geschäftsführerin tätig. Interims-Geschäftsführer Jan Görnemann hatte von Dezember 2021 bis Dezember 2023 den betrieblich-technischen Bereich verantwortet. Martin Weis war bis 31. März 2023 für die kaufmännischen Bereiche zuständig gewesen.


Interview mit Marion Hebding



Fokusthemen

Ladeinfrastruktur ausgeweitet, Betriebshofmanagement für E-Fahrzeuge eingeführt 

Mit seiner Flotte von 120 batterieelektrischen Bussen gehört ESWE Verkehr deutschlandweit zu den Vorreitern. Im Mai 2024 konnte der erfolgreiche Abschluss des dazugehörigen Projekts Elektromobilität gefeiert werden. Nach einer Erweiterungsbaumaßnahme von 24 Ladepunkten verfügt seither jedes elektrisch betriebene Solo-Fahrzeug über eine Ladestation auf dem Betriebshofgelände. Das Projekt umfasste neben der Ladeinfrastruktur ein Betriebshofmanagement mit intelligentem Last- und Lademanagement. Dadurch sind kostenoptimierte und bedarfsgerechte Last- und Ladepläne sowie die flexible Vorkonditionierung aller Fahrzeuge möglich. Ladezyklen werden automatisiert durchgeführt. 

Weitere Elektrifizierung des Fuhrparks in kleinen Schritten 

Die Elektrifizierung des Fuhrparks wird in den nächsten Jahren in kleineren Schritten fortgesetzt. Ziel ist auf dem Weg zu einem nachhaltigen ÖPNV in Wiesbaden eine Ausweitung auf elektrische Gelenkbusse auch vor dem Hintergrund der Liniennetzreform. 2025 wird zunächst ein E-Gelenkbus u.a. hinsichtlich seines Energieverbrauchs im Wiesbadener Linienverkehr getestet. Bundesförderprogramme für alternative Antriebe und die notwendige Infrastruktur wurden bis Ende des Geschäftsjahres 2024 nicht mehr angeboten, was den weiteren Ausbau der elektrischen Flotte erschwert. Die E-Busse übernahmen 2024 rund 44 Prozent der gesamten Verkehrsleistung und sparten im Vergleich zu Dieselbussen im Jahr 2024 ca. 6.922 Tonnen CO2 ein.

Verkauf von Wasserstoffbussen 

Aufgrund von Kapazitätsengpässen auf dem Betriebshof von ESWE Verkehr wurde bereits in 2022 entschieden, die Wasserstoff-Busflotte zu veräußern. Die Standortverlegung der Wasserstofftankstelle (im Eigentum des Verkehrsverbundes Mainz-Wiesbaden) steht noch aus. Fünf Busse mit Brennstoffzellentechnologie wurden im Jahr 2023 verkauft, vier weitere 2024. Das letzte Fahrzeug wurde 2025 veräußert. 

Bis auf Weiteres setzt die ESWE Verkehr auf eine Fuhrparkstrategie mit zwei Antriebsarten – vollelektrische Batteriebusse und schadstoffarme Dieselbusse. 

Das Jahr 2024 endete mit einer guten Botschaft für den Wiesbadener Linienverkehr: ESWE Verkehr ist zum Fahrplanwechsel im Dezember wieder zum Regelfahrplan zurückgekehrt. Damit konnten dem städtischen Haushalt geschuldete notwendige Reduzierungen vom April in einer letzten Stufe endgültig zurückgenommen werden. Insbesondere Lücken im späten Abendbereich wurden auf Wunsch von Fahrgästen wieder geschlossen. 

Phasen der Instabilität durch Änderungen am Fahrplan haben in den vergangenen Jahren aus unterschiedlichen Gründen Abläufe im Unternehmen mehrfach stark beeinflusst und Fahrgästen einiges abverlangt. So wurde im Jahr 2023 längere Zeit nur ein Samstagsfahrplan angeboten. Fachkräftemangel beim Buspersonal hatte im Jahr zuvor dazu geführt, das Wochenangebot einzuschränken. Im September 2023 wurde der Fahrplan wieder ausgeweitet, weil sich ESWE Verkehr – wie andere städtische Verkehrsunternehmen auch – dafür entschieden hat, einen Teil der Leistungen an zwei Subunternehmen zu übergeben. Die Regelung betrifft rund 15 Prozent der Nutzwagenkilometer. 

Seit 2024 setzt ESWE Verkehr Frontkameras in 14 Linienbussen ein. Die Kameras sollen falsch parkende Fahrzeuge auf Bus- und Umweltspuren oder in Haltestellenbereichen per Fotobeweis dokumentieren – ausgelöst auf freiwilliger Basis durch das Fahrpersonal. Durch Übermittlung der Bilder an zuständige Behörden können die Verursacher per Bußgeld zur Verantwortung gezogen werden. Ein Ziel des innovativen und datenschutzkonformen Projektes ist die Beschleunigung des Busverkehrs. 

Reduzierung und Wasserrohrbruch 

Im April 2024 führten wirtschaftliche Gründe zu einer erneuten Reduktion des Fahrplans. Sparvorgaben der Landeshauptstadt Wiesbaden trafen auch unsere Gesellschaft, der Schritt zur Kürzung am Abend und an Sonn- und Feiertagen war unumgänglich. Bis Dezember wurde dann schrittweise wieder hochgefahren. Ende Juni 2024 führte zuvor ein Wasserrohrbruch in der Nähe des Hauptbahnhofes zu weitreichenden Umleitungen im Linienverkehr. Viele der insgesamt 44 Linien waren betroffen, Verspätungen und Ausfälle nicht zu verhindern. Erst Mitte August hieß es wieder „Freie Fahrt“ am Gustav-Stresemann-Ring. ESWE Verkehr arbeitete das Ereignis in den Punkten auf, wo es nicht gut gelaufen ist, um als Lessons Learned für künftige Fälle noch besser gewappnet zu sein. 

Äußere Einflüsse und ungeplante Beeinträchtigungen des Linienverkehrs durch ungeplante Baumaßnahmen wie beim Wasserrohrbruch oder der Salzbachtalbrücke (mit starker Zunahme des städtischen Individualverkehrs als Folge) werden immer wieder vorkommen. Erklärtes Ziel von ESWE Verkehr für 2025 und die weitere Zukunft bleibt aber bestehen: der Wiesbadener Bevölkerung ein verlässliches Fahrplanangebot zu machen. 

Das Jahr 2024 markierte einen Meilenstein auf dem Weg zu einem zukunftsfähigen ÖPNV in Wiesbaden. ESWE Verkehr wurde durch Beschluss der Stadt Wiesbaden offiziell mit der Umsetzung der Liniennetzreform beauftragt. Vorbehaltlich der noch ausstehenden Finanzierungszusage soll das Basisnetz im Sommer 2027 kommen. Das bisherige Liniennetz stammt noch aus dem Jahr 1969 und wurde punktuell an z. B. städtebauliche Veränderungen angepasst.  

Der Entwurf des neuen Plans basiert auf einer umfassenden Analyse, einer Mobilitätssimulation sowie Bürgerbeiträgen und Abstimmungen mit den 26 Wiesbadener Ortsbeiräten, die dazu beitragen sollten, dass das neue Liniennetz optimal auf den tatsächlichen Mobilitätsbedarf abgestimmt ist. Das neue Liniennetz soll die Stärken des bisherigen Systems erhalten und gleichzeitig das Gesamtnetz optimieren. Ziel ist ein moderner, attraktiver, leicht verständlicher und nachhaltiger Nahverkehr in Wiesbaden.  

Für die Erstellung des vierten lokalen Nahverkehrsplans der Landeshauptstadt Wiesbaden wurden, in einem gemeinsamen Projekt mit dem Rheingau-Taunus-Kreis, die beiden Planungsbüros ioki GmbH (Frankfurt am Main) und Planersocietät (Dortmund) beauftragt. Das aus dem Erstellungsprozess resultierende Basisnetz ist das erste große Ziel der Liniennetzreform. Anschließend soll dieses in Richtung eines Zielnetztes weiterentwickelt werden.   

Das neue Liniennetz bietet im Vergleich zum Bestand grundlegende Vorteile: Beispielsweise die Anschlussfähigkeit für städtebauliche Entwicklungen (z.B. Sportpark Rheinhöhe, BKA Campus, Wallauer Spange) und ​die Einführung zusätzlicher Querverbindungen (äußeren Stadtteile untereinander) sowie die Befahrung neuer Straßenzüge, welche in Kombination eine Verbesserung des Reisezeitverhältnisses bedeuten.​  

Darüber hinaus ist das Netz mit einem Taktversprechen verknüpft, wonach Buslinien über den ganzen Tagesverlauf weitgehend in der gleichen Grundtaktung von je 15 oder 30 Minuten verkehren. Weil auf vielen Alltagsrouten Umwege über die Innenstadt entfallen und die Ortsbezirke untereinander besser verbunden sind, ist der Busverkehr damit auf vielen Relationen noch konkurrenzfähiger zum Auto. Der neue Liniennetzplan bildet damit eine zentrale Grundlage für eine nachhaltige Mobilitätswende in Wiesbaden und der Region.   

Die Einführung des Deutschland-Tickets am 1. Mai 2023 bedeutete auch in Wiesbaden eine klare Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs. Das Ticket ermöglicht bundesweite Fahrten im Nah- und Regionalverkehr – für zunächst 49 Euro monatlich. Bereits im ersten Jahr führte das Deutschland-Ticket bei ESWE Verkehr zu gestiegenen Umsatzerlösen und Fahrgastzahlen. 

Digitale Umsetzung 

Das Deutschland-Ticket wurde mit enorm kurzem zeitlichem Vorlauf eingeführt und stellte ESWE Verkehr genau wie andere Verkehrsunternehmen vor neue Herausforderungen. ESWE Verkehr entwickelte kurzfristig eine eigene Smartphone-App, die den digitalen Kauf, die Verwaltung und die Anzeige des Tickets ermöglicht. Damit war das Ticket zur Einführung per „ESWE Verkehr Tickets“-App oder als Chipkarte als eTicket erhältlich.  

Trotz des knappen Vorbereitungszeitraums gelang es, die Einführung des Deutschland-Tickets erfolgreich, technisch zuverlässig und kundenorientiert umzusetzen. 

Die deutlich gestiegenen Abonnementzahlen kompensierten trotz einheitlicher Preisgestaltung mögliche Mindereinnahmen. In der Gesamtzahl der Abonnements von insgesamt 66.200 waren Ende 2024 allein rund 26.000 Deutschland-Tickets (inklusive Hessenpass mobil, D-Tickets Job und der dazugehörigen Applösungen) enthalten.  

Einen deutlichen Wachstumsimpuls setzte außerdem die Einführung des „Schülerticket Hessen WI15“ zum 1. August 2023. Mit dem Ticket können alle Kinder und Jugendlichen im Alter von sechs bis einschließlich 17 Jahren, die in Wiesbaden gemeldet sind, für 15 Euro pro Monat in ganz Hessen sowie in Mainz im öffentlichen Nahverkehr unterwegs sein. Binnen zehn Wochen stieg die Nutzerzahl um über 50 Prozent gegenüber dem bisherigen „Schülerticket Hessen” auf insgesamt 17.150 Abonnenten. Dieser Trend setze sich 2024 fort. Damit nutzen bereits mehr als die Hälfte aller Berechtigten das Angebot. Rund 8.100 dieser Abonnements entfallen auf die sozial ermäßigte Variante für zehn Euro pro Monat. 

Insgesamt führten Deutschland- und Schülerticket von 2023 auf 2024 zu einer Verdopplung der Abonnenten bei ESWE Verkehr. 

Finanzielle Absicherung 

Einnahmeausgleiche durch den RMV sowie Fördermittel von Bund und Land sichern die wirtschaftliche Stabilität. Ergänzend stärken soziale Varianten wie der Hessenpass mobil die Teilhabe und Akzeptanz. 

Das Deutschland-Ticket hat die Tarifstruktur modernisiert, die Kundenbindung gestärkt und die Digitalisierung der Verkaufskanäle von ESWE Verkehr vorangetrieben. 


Zahlen und Fakten

58,8 Mio. Fahrgäste

Im Jahr 2024 verbesserte die ESWE Verkehr ihre Fahrgastzahlen auf 58,5 Millionen (Vorjahr 56,6). Bei der Nerobergbahn wurde mit ca. 308.000 Fahrgästen ein Bestwert erzielt.

66.200 Ticket-Abonnenten

Ende 2024 waren es ca. 66.200 Abonnenten – ca. 30.000 mehr als im Vorjahr. Ca. 26.000 entfielen auf das Deutschland-Ticket (inkl. Hessenpass mobil, Job-Ticket und Applösungen).

12,519 Mio. Nutzwagenkilometer

Im Jahr 2024 summierte sich der von ESWE Verkehr erbrachte Linienverkehr auf mehr als 12,5 Mio. Nutzwagenkilometer. Im Jahr 2023 wurden rund 11.5 Mio. Kilometer erzielt.

6.922 t CO₂-Einsparung

Seit Ende 2019 haben die E-Fahrzeuge insgesamt ca. 14 Mio. Kilometer zurückgelegt. Im Vergleich zu Dieselbussen wurde in 2024 ca. 6.922 (Vorjahr 5.550) Tonnen CO₂ eingespart.